Du darfst dich auch freuen!

26. Oktober 2015

FC St. Pauli – SC Freiburg 1:0 (25.10.2015)

“Du darfst dich auch freuen!“ rief mein Hintermann und haute seine Hand auf meine Schulter. Recht hatte er, ein Tor zum 1:0 gegen den Tabellenführer gibt natürlich Anlass zur Freude. Aber ich habe mich wohl eher nach innen, nicht für jedermann ersichtlich, gefreut. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, mich mit dem 0:0 arrangiert, zumal ich das Ergebnis auch für leistungsgerecht hielt, und nach dem ernüchternden 1:3 gegen Sandhausen und dem in der Nachspielzeit der Nachspielzeit entglittenen Sieg in Köpenick einen Punkt gegen den Klassenprimus auch nicht gerade als Misserfolg gewertet hätte. Aber dann platzte mitten in diese Überlegungen das Tor, und ich war nicht darauf vorbereitet. Aber ja, natürlich habe ich mich gefreut, und war mir auch über die Legitimtät dieser Gefühlsregung im klaren.

Ein verblüffendes Spiel. Nach zweimal drei Gegentoren diesmal keinen eingefangen. Und mit Ausnahme der Schlussphase des ersten Durchgangs nach hinten auch nicht viel zugelassen. Der unwissende Beobachter hätte Probleme gehabt zu erkennen, welche Mannschaft denn jetzt der Spitzenreiter ist. Konzentriert die Nummer zuende gespielt und im Epilog belohnt worden. So kann’s also auch gehen.

Und so sind es jetzt 22 Punkte aus zwölf Spielen. Die Bilanz eines Abstiegskandidaten sieht anders aus. Rechnet man diesen Scrore per Dreisatz auf 34 Spiele hoch, sind es 62 Punkte, das hätte letzte Sasion für Platz 2 gereicht. Und konsequenterweise melden sich nun die Stimmen, die anmahnen, man solle eine Chance auf einen Aufstieg immer versuchen wahrzunehmen – und genauso erwartungsgemäß diejenigen, die das lieber nicht wollen, weil in Liga Eins gewinnt man dann nicht mehr oft oder warum auch immer.

Okay, als akuten Aufstiegsanwärter sehe ich uns – im Moment zumindest – auch nicht. Dazu gab es zu viele Spiele mit zu wenig überzeugenden Leistungen. Aber wenn die Konkurrenz auch nicht besser in die Spur findet? Freiburg haben wir mit leeren Händen nach Hause geschickt, die Leipziger auf ihrer Weide geschlagen, und unser Verfolger aus Bochum muss am kommenden Freitag auch erst einmal gegen uns bestehen. Und wir sind auch nicht mehr am Anfang der Saison, ein Drittel ist gespielt. Die Tabelle erzählt keine Kuriositäten mehr wie nach einer oder zwei Runden. Ich halte es zwar nicht für wahrscheinlich, aber auch nicht für ausgeschlossen, dass wir in der Rückrunde in akute Aufstiegsgefahr geraten.

Und ganz ehrlich, wie lange wollen wir noch in Liga Zwei unser Dasein fristen? Es ist jetzt die fünfte Spielzeit in Folge, so lange am Stück in einer Spielklasse hat der FC St. Pauli es zuletzt von 1979 bis 1984 in der Oberliga Nord, damals dritthöchste Spielklasse, ausgehalten. Und wenn es dieses Jahr wieder nicht nach oben oder unten geht, gibt es das sechste Jahr Zweite Liga in Folge, und um eine so lange Zeit ohne Auf- oder Abstieg zu finden, muss man noch weiter zurück in die Historie: Das gab es zuletzt in der Zeit bis 1977, als der FC zuerst in der Regionalliga Nord als damals zweithöchste Spielklasse und dann ab 1974 in der neu geschaffenen zweigleisigen 2. Bundesliga weilte.

Für mich gibt es da nichts abzuwägen, ich möchte keine Äonen in Liga Zwei. Ich brauche nicht diese Saison den Aufstieg (würde ihn gerne nehmen, bin aber in keiner Weise knatschig, wenn es nicht dazu reicht), aber irgendwann will ich wieder nach oben. Zweite Liga ist und bleibt kein Selbstzweck. Sie ist für Neuaufbau, Konsolidierung, Gesundung eine gute Plattform, aber nicht für ewigwährende fußballerische Selbstverwirklichung. Von der Mannschaft erwarte ich selbstverständlich, dass sie auf dem Teppich bleibt, ich als Fan darf träumen, so viel ich will. Und unerwartete Siege mit Dankbarkeit zur Kenntnis nehmen, oder, wie mir gestern nachdrücklich bescheinigt wurde: “Du darfst dich auch freuen!“


Auch wenn es wichtigere Themen gibt

11. August 2015

FC St. Pauli – VfL Borussia Mönchengladbach 1:4 (10.08.2015)

In der ersten Halbzeit habe ich zwei Bier getrunken, in der zweiten keines mehr. Bin ich jetzt schuld am Spielverlauf und -ausgang?

Nein, natürlich nicht. Gegen diese Elf von Niederrhein war gestern halt kein Kraut gewachsen. Und besser so, als gegen Carl Zeiss Jena oder andere Vertreter aus den Niederungen der Ligenpyramide auszuscheiden.

Weshalb mir auch nicht viel zum Spiel zu sagen einfällt. Eher zu einem anderen Thema, auch wenn dieses fraglos nicht zu den wichtigsten der Jetztzeit gehört: dem offensichtlich immer noch, sobald es ein DFB-Pokal-Spiel auszutragen gibt, hingebungsvoll gelebten Buchstabenfetischismus in St.-Pauli-Fankreisen. Auch gestern hat die Stadionzeitung wieder vom „Bokal“ geschrieben, gerade so, als ob dieser Gimmick nach inzwischen zehn Jahren nicht allmählich ausgelutscht genug wäre.

Als ich anfing, mich mit der Rezeption des FC St. Pauli und seines Anhangs in Fankreisen anderer Vereine zu befassen, machte ich die Erfahrung, dass unsereinem häufig vorgeworfen wurde (und wohl auch immer noch wird), wir würden uns gar nicht ernsthaft für Fußball interessieren. Uns ginge es doch eher um Politik (kurioserweise kommt diese Vorhaltung häufig von denjenigen, die mit einer Deutschland-Flagge ins Stadion gehen und dann behaupten, sie seien unpolitisch), um Saufen oder um andere Errungenschaften, zu deren Ausleben der Fußball vehikularisiert werden könne. Und wenn ich mir nun anschaue, aus welch schräger Perspektive die erfolgreichste DFB-Pokal-Teilnahme der Vereinsgeschichte seitens vieler glücklicher Halbfinalisten betrachtet wird – mit dem übereinstimmenden Anfangsbuchstaben der Gegner als Fokus des Ganzen -, dann wundert mich die These, wir würden uns nicht für Fußball interessieren, nur noch bedingt. Unfußballerischer geht es ja nun nicht mehr. Das hat mit Fuß, das hat mit Ball, das hat mit Fußball nichts zu tun.

Zugegeben: Ähnliche Anwandlungen hatte ich vor all dem auch schon mal. Es gab Zeiten, da fand ich Alemannia Aachen und Wormatia Worms klasse, weil Verein und Stadt mit dem gleichen Buchstaben begannen. Nur: Da war ich elf Jahre alt.

Nun fällt es mir gleichwohl nicht schwer, in gewissem Maße Verständnis für Entstehung und zeitweilige Pflege des „B“-Alliterationismus aufzubringen. Es wird ja nun, soviel muss man dem FC St. Pauli und seinem Anhang zugute halten, bei uns auf vielerlei Albernheiten verzichtet, die woanders selbstverständlich sind. Maskottchen. „Danke – bitte“. Fahnenparaden auf dem Platz. Sponsorenspielchen (wenige Ausnahmen bestätigen die Regel). Peinliche Darbietungen subbegabter Trällerhelden. Präsentierte Eckenverhältnisse. Da mag man sich dann durchaus zu ein wenig Nachsicht veranlasst sehen, wenn halt mal anlässlich einer beispiellosen Erfolgsserie inmitten einer ansonsten eher trübseligen Regionalliga-Epoche ein Kleinod der Albernheit zum quasi-offiziellen Duktus kultiviert wird. „Bokal“. Und dann bei der Auslosung darauf hingefiebert wird, wieder einen Gegner mit „B“ zu bekommen. Und natürlich kann hier auch der Punkt eine Rolle gespielt haben, dass der FC St. Pauli gerade in diesem Wettbewerb nicht überreich mit Erfolg gesegnet und dem Beobachter vielleicht auch deshalb eher nach leicht infantilem Verballhornisieren als nach ernsthafter sportlicher Betrachtung zumute ist. Keine Frage, es war exzeptionell albern, aber schon irgendwie nachvollziehbar und keinesfalls ein Verrat an den Werten des Vereins oder sonstwie dramatisch.

Schwerer fällt mir das Aufbringen von Verständnis allerdings dann, wenn ich mir anschaue, mit welcher Beharrlichkeit diese obskure Anschauung auch in den Folgejahren weiterzelebriert wurde. Ging es in der ersten Runde nach Offenburg, lauteten die Wunschgegner für die zweite Runde Offenbach, Osnabrück, Oberhausen. Ging es nach Rathenow, brach allgemeine Ratlosigkeit aus, weil einem mit „R“ nichts einfiel. Oder man nahm halt das „O“ wie „Optik“ als Aufhänger und wollte wieder nach Osnabrück. Und dass nun, ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum der sogenannten „Bokal-Saison“, wieder ein Gegner mit „B“ zugelost wurde, mutet dann geradezu als Olymp der buchstabenfetischistischen Seligkeit an. Willkommen im Baradies.

Meine zwei Cents dazu: Es langt allmählich. Wir haben diesen Gag lange genug am Leben gehalten, die Sau oft genug durchs Dorf getrieben. Es ist nicht mehr witzig. Es muss nicht mehr bei jeder Pokalauslosung wiedergekäut werden. Wir sind alle seitdem zehn Jahre älter geworden, nicht mehr in dem Alter, in dem ich Alemannia Aachen und Wormatia Worms aufgrund ihrer Namen klasse fand. Auch der DFB-Pokal ist Fußball (wenngleich aus unserer Sicht ziemlich seltener), man darf ihn auch durch eine andere Brille betrachten als die desjenigen, in dessen Welt alles mit dem gleichen Buchstaben beginnt.

Und außerdem: Wenn wir seinerzeit im Halbfinale das andere „B“ (Arminia Bielefeld) oder ein Nicht-“B“ (Eintracht Frankfurt) zugelost bekommen hätten, dann hätten wir nach damaligem Reglement realistische Aussichten auf das Erreichen des UEFA-Pokals gehabt. Wir hätten unser Halbfinale gewinnen müssen, die Bayern das ihrige, und es wäre perfekt gewesen. Das interessiert mich persönlich bei der Nachbetrachtung dieser Saison mehr als das Postulat „das nächste B bitte“. Und dann wäre es für mich sogar okay gewesen, wenn als Erstrundengegner Young Boys Bern, Brann Bergen oder Ujpest Budapest gewünscht worden wäre. Aber dazu kam es bekanntermaßen nicht, sondern statt dessen zu einer Dauerkultivierung eines Running Gags, der seinen Reizwert für mich am 12. April 2006, beim 0:3 gegen den FC Bayern, verloren hatte. Und seitdem ist, wie ich meine, genug Wasser die Elbe heruntergeflossen, um diese Albernheit ihr Ende finden zu lassen.

Auch wenn es zweifellos, wie eingangs erwähnt, wichtigere Themen gibt.


Die Zukunft hat begonnen

26. Juli 2015

FC St. Pauli – DSC Arminia Bielefeld 0:0 (25.07.2015)

“Das hast du gut gemacht!“ meinte plötzlich jemand neben mir auf der Treppe zum Ausgang. Ich sah ihn an – und wusste sofort, was er meinte. Er trug das gleiche T-Shirt wie ich, das mit der Aufschrift “’DAS GLAUBE ICH ERST WENN DER BAGGER ROLLT!‘ Ich war dabei – Millerntor 19.12.2006“. Ich war also nicht der einzige, dem das erste Pflichtspiel im komplett fertiggestellten Millerntor-Stadion (die noch fehlenden Innenausbauten der Nordtribüne mal ausgenommen) ein würdiger Anlass schien, um es in jenem Kleidungsstück, auf dem der Anfang der nun vollendeten Metamorphose vor gut achteinhalb Jahren gewürdigt wird, zu besuchen. Zumal ich es insofern mit reinem Gewissen tragen darf, als ich seinerzeit tatsächlich zugegen gewesen war.

Wobei eine solche Wahl der Garderobe natürlich bestenfalls eine Randnotiz sein kann im Vergleich zu jener opulenten Choreographie, mit der dieser Anlass begangen wurde. Und es war mit ziemlicher Sicherheit die größte Choreo, die dieses Stadion jemals gesehen hat. Schließlich hat es ja noch nie so viel Platz für eine Choreo hergegeben, und mit Ausnahme des Gästebereichs wurden die Tribünen komplett choreographisiert.

Nun ist es für meine Platznachbarn und mich als Sitzplatzbewohner schon ein wenig ungewohnt, in einer solchen Weise an einer Choreo beteiligt zu werden. Weshalb gewisse Eigenheiten einer solchen Zeremonie, die dem choreoerprobten Stehplatzinhaber vermutlich geläufig sind, für unsereiner vielleicht ein wenig überraschend kamen. So stellte kurz, nachdem wir alle unter dem großen Tuch verschwunden waren, jemand fest: „Ganz schön warm hier.“ Und in der Tat – Zeljkos frischer Hauch, der uns noch kurz zuvor ins Gesicht geweht hatte, wenn auch weit weniger stürmisch als angesichts der Unwetterwarnungen erwartet, hatte dem wärmenden Schutz des großen Tuches weichen müssen. Etwas eigenartig war dann der Moment, als die Höllenglocken den Beginn der Kernzeremonie ankündigten und wir wussten, dass nun die Mannschaften einlaufen würden, wir sie aber nicht würden sehen können. Es störte aber offenbar niemanden, ein solcher Verlust an Wahrnehmung schien den Mitchoreographierenden verschmerzbar zu sein angesichts einer dermaßen beeindruckenden Tuchparade. Falls jemand von denjenigen, denen wir dieses Ereignis zu verdanken haben, dies liest: Ganz großen Dank und Respekt von meiner Seite. Zwar wird mir eine Choreo niemals so wichtig sein wie das Spiel selbst, aber dieses Exemplar verdient exzeptionelle Würdigung. Nun war ich also nicht nur beim rollenden Bagger dabei, sondern auch bei der größten Millerntor-Choreographie aller Zeiten. Es gibt tausend gute Gründe, St.-Pauli-Fan zu sein, und seit gestern einer mehr.

Als weniger legendenträchtig muss man wohl das Spiel betrachten. Letzten Endes ein verdientes Unentschieden, und wir müssen sogar froh darüber sein, dass wir uns in der Schlussphase nicht noch einen eingefangen haben. Mein Lieblingsarmine sah das ebenso. Nun meinte ein geschätzter Zeitgenosse auf einer populären vereinsbezogenen Diskussionsplattform, ihm würde der maue Support mehr Sorgen machen als das Spiel. Ich für meinen Teil sehe es so, dass beides ein wenig Zeit bekommen sollte, sich einzugrooven. Die Sommerpause war – wie jemand anders an gleicher Stelle sehr richtig kundtat – für die Zweite Liga sehr kurz. Die Vereine hatten nicht viel Zeit, sich vorzubereiten, und meiner einer auch nicht viel Zeit, etwas Abstand von der letzten, wenig erhebenden Saison zu gewinnen und Motivation für die anstehende zu sammeln. Da sind mir die langen Sommerpausen in den WM- und EM-Jahren deutlich lieber, zumal ein Nationenturnier für mich aus vermutlich selbsterklärenden Gründen nicht viel mit St. Pauli zu tun hat. Das hier ist Fußball, das hier sind Dramen, eine WM oder EM ist für mich etwas, was ich vergleichsweise distanziert und weitgehend neutral verfolge. Aber die Zweite Liga ist halt eher etwas für jemanden, dem es nicht früh genug losgehen kann – nicht nur in punkto Anstoßzeiten, sondern auch in Sachen Terminplan. Und dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgangen sein, dass nicht nur der FC St. Pauli, sondern auch sein Gegner eher mühsam in die Spielzeit startete. Heißt für mich: Zum Sorgen machen ist es zu früh. Die Saison hat gerade mal begonnen.

Ebenfalls begonnen hat – zumindest in meinem Stadionareal – die fanseitige Zukunft. Auf dem Schoß meiner Platznachbarin trohnte ihr knapp sechsjähriger Sprössling und verfolgte das Spiel mit größerer Aufmerksamkeit als manch anderer. Und hinter mir hockten zwei Freunde mit ihrer dreijährigen Tochter. Diese hat sich, soweit ich das mitbekommen habe, weniger für das Spiel interessiert, was ich angesichts ihres sehr jungen Alters allerdings auch nachvollziehbar finde. So manifestiert sich der Zeitenwandel beim FC St. Pauli nicht nur in Form eines vollendeten Stadionneubaus, sondern auch in Gestalt einer nachwachsenden Fangeneration.

Gleichwohl gibt es Konstanten, die durch all dies nicht in Frage gestellt werden. Zum gefühlt tausendsten Mal verbrachte ich die Zeit nach dem Spiel im Kreis guter Freunde, darunter mein bereits erwähnter Lieblingsarmine, der gestern insofern ein schweres Spiel durchzustehen hatte, als seine beiden Herzensvereine gegeneinander spielten. Und die Gesellschaft all jener Menschen ist nun wiederum ein Grund, froh zu sein, dass die Saison angefangen hat.

Das Stadion ist fertig, neue Fans wachsen nach, bestehende Freundschaften werden weiter gelebt. Und in Sachen Tribünendekoration werden neue Maßstäbe gesetzt. Trotz des eher ernüchternden Spiels fühlt es sich für mich ein wenig nach Aufbruch an. Die Zukunft hat begonnen.


Erleichterung und Mahnung

25. Mai 2015

SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli 1:0 (24.05.2015)

So, einmal kräftig durchatmen. Wir haben es also geschafft. Oder besser: Wir haben es verhindert. Die Botschaft dieser Saison ist nicht das, was wir erreicht haben, sondern das, was uns erspart geblieben ist. Unterm Strich – oder, wenn man es so sehen will, knapp überm Strich – bleibt die schlechteste Zweitliga-Platzierung seit dem desaströsen Abstieg 2003.

Trotzdem habe ich mich gefreut gestern. Natürlich. Es hatte ein klein wenig etwas vom Aufstieg in die Zweite Liga anno 2007. Auch damals war ich erleichtert, dass das Regionalliga-Elend ein Ende hatte. Und ähnlich erleichtert bin ich nun (wenn auch bei weitem nicht so euphorisch wie damals), dass uns der Gang in die 3. Liga, dieses eigenartige Etwas, das als einziges in der DFB-Ligenpyramide keinen Namen außer seiner Ordinalzahl trägt, erspart bleibt. Nein, ich hätte keinen Nerv auf Chemnitz, Dresden, Cottbus, Halle oder Rostock gehabt. Da spiele ich lieber gegen Sandhausen oder Heidenheim, auch wenn andere das langweilig finden. Und ich hätte keinen Nerv auf Stuttgart und Mainz II gehabt. Ich bin weiterhin der Meinung, dass Zweitvertretungen im hochklassigen Fußball nichts zu suchen haben. Mal ganz davon ab, dass diese 3. Liga dem Verein auch wirtschaftlich nicht gut getan hätte und ein Abstieg natürlich auch immer ein Negativum an und für sich darstellt. Abstieg ist ein scharfes Schwert.

Den Statistikfreunden ist vielleicht schon aufgefallen, dass dieser Klassenverbleib ein Novum in der jüngeren Geschichte des FC verkörpert. Es liegt nun das fünfte Jahr Zweite Liga in Folge vor uns, und fünf Jahre am Stück in einer Spielklasse hat der Verein zuletzt von 1979 bis 1984 verbracht, damals in der Oberliga Nord als dritthöchster Spielklasse. Man könnte meinen, es es sei Kontinuität eingekehrt, aber wir wissen natürlich, dass davon keine Rede sein kann. Zwei der zurückliegenden vier Jahre Zweite Liga gingen mit Abstiegskampf einher, eines mit vorsichtigem Schnuppern am Aufstieg (die erste Saison nach dem Abstieg aus der Ersten Liga), und eines mit ernüchterndem Herumdümpeln im Niemandsland der Tabelle.

Gleichwohl hat dieser Klassenerhalt über den puren Tatbestand des Eingetretenseins hinaus für mich etwas Positives, und zwar die Tendenz der letzten Wochen. Drei Siege in Folge, darunter einer in der aufstiegsambitionierten Region. Das hatte sich in den Wochen davor kaum jemand vorstellen können. Und das ist sicher zu einem großen Teil das Werk desjenigen, für den ich mich am meisten freue: Ewald Lienen. Es war keine leichte Mission, die er angetreten ist, beginnend damit, dass er viel zu spät geholt wurde. Fortgesetzt damit, dass seine Arbeit bei der Auseinenandersetzung mit der Spielvereinigung Greuther Fürth durch das desaströse Wirken und Werken eines Herrn aus Stuttgart konterkariert wurde und er diesen Abgrund an Spielleitung nicht einmal beim Namen nennen durfte, ohne von den Regelherren sanktioniert zu werden. Nun ist es ihm – sicher auch mit ein wenig Glück – doch noch gelungen, den Absturz in die namenlose Liga zu verhindern, und ich hoffe, er freut sich maßlos darüber. Und ich hoffe, dass er möglichst lange bei uns bleibt, zumal er ja auch aus politischer Sicht hervorragend zu meinem – und nicht nur meinem – Bild von St. Pauli passt.

Doch dieser Klassenerhalt ist nicht nur Erleichterung. Er ist auch Mahnung. Platz 15 in Liga Zwei, das ist nicht unser Anspruch. Dafür brauchen wir kein Stadion mit 30.000 Plätzen. Und ich bin auch nicht scharf auf ein Heimspiel in der ersten Runde im DFB-Pokal, das hat nach meiner Befürchtung lediglich den Vorteil, dass ein Ausscheiden gegen Wolfsburg oder Heidenheim nicht ganz so peinlich ist wie eines gegen Elversberg, Bahlingen oder Hessen Kassel. Nein, dieses Ergebnis ist Mahnung an alle Verantwortlichen, künftig die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu fällen. Die Zeiten, zu denen man allein durch Kampf, Moral und Defensivstärke in der Zweiten Liga bestehen konnte, sind vorbei. Und die Zeiten, zu denen man keine ernsthafte Konkurrenz seitens irgendwelcher Dorfklubs befürchten musste, ebenfalls. Ich weiß zwar immer noch nicht genau, wo Heidenheim und Sandhausen liegen, ich weiß aber, dass dort ein Fußball gespielt wird, gegen den auch ein FC St. Pauli erst einmal bestehen muss.

Und irgendwann, nicht unbedingt nächste oder übernächte Saison, will ich auch wieder raus aus dieser Zweiten Liga. Ich bin nicht scharf auf „ewiger Zweitligist“ wie Fortuna Köln, Greuther Fürth oder Alemannia Aachen. Zumal diese Beispiel auch lehren, wo das auf Dauer hinführt. Zweite Liga ist kein Selbstzweck. Irgendwann möchte ich wieder in die Erste Liga, auch auf die Gefahr hin, dass es wieder nicht von Dauer sein wird. Aber zuerst einmal müssen wir uns für die Zweite Liga konkurrenzfähig aufstellen, und dafür müssen – beginnend bei der Kaderplanung – bessere Entscheidungen getroffen werden als in der jüngeren Vergangenheit.

Ein wenig vermissen werde ich den FC Erzgebirge Aue. Dass ausgerechnet er runter muss, finde ich schade, lieber hätte ich das Scheichtum Fröttmaning auf direktem Wege verschwinden sehen. Die Auer haben fast immer ordentlichen Fußball abgeliefert. Wenn sie gegen uns gewonnen haben (was ihnen oft genug gelungen ist), dann in aller Regel auch verdient. Ihr Anhang hat, soweit ich es mitbekommen habe, für weniger Ärger gesorgt als der diverser anderer Ostklubs, und ihre Identitätspflege in Form von „Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W, das ist Wismut Aue, unsere BSG“ fand ich immer irgendwie sympathisch. Nicht vermissen werden ich den FC Ingolstadt, die sollen von mir aus die Erste Liga noch langweiliger machen, als sie sowieso schon ist. Erfreulich finde ich die Rückkehr von Arminia Bielefeld, das hat allerdings wenig mit dem Verein zu tun, sondern eher sehr persönliche Gründe (Gruß nach Eimsbüttel). Ähnlich freuen würde ich mich, wenn Holstein Kiel nächste Saison wieder dabei wäre, was allerdings zugegebenermaßen auch mit ihrem Gegner in der Relegation zu tun hat.

Was mir erst jetzt gerade auffällt: Ein ungeschriebenes Gesetz der jüngeren Vereinsgeschichte wurde gestern erneut eingehalten: Wenn der FC St. Pauli in der Schlussphase einer Saison gute Aussichten auf das Erreichen seines Zieles hat, das erreicht er es auch. Das letzte Mal, dass es anders kam, war 1994, als der Aufstieg auf den letzten Metern verspielt wurde. Seitdem haben wir stets entweder unser jeweiliges Ziel erreicht, oder es zeichnete sich schon lange vor Saisonschluss ab, dass es nicht dazu kommen würde. Ein Scheitern auf den letzten Metern, wie es z.B. vorgestern bedauerlicherweise die Freiburger erlebt haben, blieb uns einmal mehr erspart.

Fazit: Dieser Klassenerhalt ist natürlich Anlass zur Erleichterung. Insbesondere, wenn wir uns erinnern, wie knapp es zum Schluss, nach dem 2:2-Ausgleich der Auer, noch wurde. Und angesichts dessen ist dieser Klassenerhalt auch Mahnung. Es hätte auch schief gehen können. Ich werde die anstehenden Tage genießen, mit viel Gelassenheit – trotz Parteiergreifung – die Relegationsspiele zwischen Kiel und Fröttmaning verfolgen, meine Dauerkarte erwerben, dann wie immer voller Ungeduld auf den Spielplan warten und schließlich und endlich darauf hoffen, dass es nächste Saison aufwärts geht. Und mir vielleicht auch wieder häufiger danach zumute ist, an dieser Stelle ein paar Zeilen Text zu erstellen.

Schöne Sommerpause allerseits!


It was twenty years ago today

3. Dezember 2013

FC St. Pauli – VfL Wolfsburg 1:0 (03.12.1993)

Nun sind sie voll, die zwei Dekaden. Heute vor zwanzig Jahren habe ich mein erstes St.-Pauli-Spiel im Stadion erlebt.

It was twenty years ago todayNein, ich werde jetzt keine Rückschau halten auf das, was in diesen zwanzig Jahren mit dem FC St. Pauli passiert ist. Das weiß jeder Interessierte auch so. Statt dessen möchte ich ein wenig darüber nachdenken, was der FC St. Pauli in dieser langen Zeit aus mir gemacht hat. Inwieweit er – um den Titel eines sorgsam in meinem Regal verwahrten Tonträgers zu zitieren – „schuld“ ist, dass ich so bin.

Eines steht außer Frage: Er hat mich politischer gemacht. Heute habe ich zu vielen Dingen eine Meinung, zu denen ich anno 1993 noch keine hatte. Oder eine andere. St. Pauli hat mich weiter nach links gerückt. Nicht nach linksaußen, aber nach links. Die Begegnungen und Gespräche mit St.-Pauli-Anhängern, die Lektüre vereinsbezogener Publikationen, das stetige Nachdenken über den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich Profifußball abspielt – es hat mir Themen nähergebracht, die mir zuvor mangels unmittelbarer Berührungspunkte mit meiner Lebenswirklichkeit ferner waren. Nein, natürlich war es nicht nur der FC St. Pauli, der mich in dieser Zeit dergestalt beeinflusst hat, aber er – besser: die Menschen, die ihn ausmachen – hat zweifellos einen immensen Anteil daran, dass Politik heute in meinem Leben eine andere Rolle spielt als vor zwanzig Jahren.

All dies wäre natürlich ohne eine intensive Sozialisation im Mikrokosmos St. Pauli nicht möglich gewesen. Und damit sind wir beim nächsten Punkt. St. Pauli hat mir nicht nur ein politisches Bewusstsein anderer Dimension gegeben, sondern auch eine Heimat. Ein aus heutiger Sicht absolut unentbehrliches soziales Bezugssystem. Für mich auch insofern bedeutsam, als ich – gebürtiger Westfale – keinerlei familiäre Wurzeln in der Freien und Hansestadt habe. Ich habe Freunde gefunden, Freundschaften entwickelt, die über Fußball hinausgehen. Ich habe zahllose Veranstaltungen besucht, die keinen unmittelbaren Bezug zu einem Spiel, sehr wohl aber einen zum Verein und seinen Fans hatten. Habe unendlich oft – mal mit, mal ohne konkreten Anlass – mit anderen St.-Pauli-Fans zusammengehockt. Und wenn ich aus Gründen, die mit Fußball nichts zu tun hatten, seelischen Support gebrauchen konnte, habe ich diesen in der St.-Pauli-Familie gefunden.

Und Fußball? Natürlich. Fußball. Der FC St. Pauli hat mir nicht nur politische und soziale Orientierung verschafft, sondern auch die Liebe zum Fußball zurückgegeben. Oder besser: sie erst richtig aufleben lassen. Sicher, als kleiner Steppke habe ich mich, wie viele meiner Altersgenossen, für Fußball interessiert, aus der Ferne das Wohl und Wehe des FC Bayern München verfolgt. (Warum ausgerechnet das des FC Bayern? Das ist mit 37 Jahren zeitlichem Abstand schwer zu rekonstruieren, da kann zum einen mitschülerseitige Prägung eine Rolle gespielt haben, zum anderen, dass kein anderer Verein zur entscheidenden Zeit so viele Spieler hatte, deren Namen mir aus der Nationalmannschaft und entsprechend den Medien vertraut waren.) Allerdings erlosch diese frühe Leidenschaft nach sechs Jahren oder so allmählich, irgendwie füllte es mich auf Dauer nicht aus, einem Verein anzuhängen, der weit weg war, den ich so gut wie nie im Stadion sah und bei dem ich mich dann irgendwann, den Kindheitstagen entwachsen, auch mal fragte, was mich denn eigentlich mit ihm verband. Einen anderen Verein, der an seine Stelle in meinem stetig langsamer schlagenden Fußballfanherzen trat, gab es dann erst einmal nicht mehr – das Faktum, dass ich in Münster studiert habe, hat mich dem dort ansässigen zeitweiligen Profiklub nicht spürbar näher gebracht. Einen einzigen Preußen-Fan habe ich an der Uni kennengelernt, ein einziges Mal war ich mit ihm im Stadion. Als es mich dann anno 1992 nach Hamburg verschlug, ging mir alles mögliche durch den Kopf, aber eines nicht, und zwar Fußball. Daher war es auch kein „Muss“ für mich, an jenem 3. Dezember 1993 mit zum Millerntor zu kommen, sondern eher ein Fall von „bevor mir zuhause die Decke auf den Kopf fällt, geh ich halt mit“.

Was dann geschah, habe ich aus relativ frischer Erinnerung etwa viereinhalb Jahre später wie folgt beschrieben:

Da stand ich also nun. In der Nordkurve des Millerntor-Stadions. Eher zufällig als geplant. Ohne eine Ahnung über die Konsequenzen dieses Besuchs zu haben.

Was wußte ich schon über den FC St. Pauli? Er hatte ein paar Jahre Bundesliga hinter sich, spielte zum Zeitpunkt des Geschehens in der 2. Liga und hatte in der vorangegangenen Saison erst am letzten Spieltag den Abstieg aus dieser Klasse verhindern können – das hatte ich in der Zeitung verfolgt. Ich hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, mir dieses letzte Saisonspiel (einen 1:0-Sieg gegen Hannover 96) anzusehen – woraus nichts geworden war. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen. (Wie ich später erfuhr, wäre es aus Gründen vollständigen Ausverkaufs auch gar nicht möglich gewesen, da spontan hinzugehen.) Erst die Initiative meiner Bekannten hatte mich nun dazu veranlaßt, an jenem Freitagabend dem Millerntor-Stadion einen Besuch abzustatten. Bemerkt sei, daß sich meine Fußballeidenschaft in jenen Monaten in Grenzen hielt – Hamburg war noch neu für mich, es gab vieles andere zu entdecken und zu erleben.

Es war das letzte Spiel vor der Winterpause. Gegen wen es ging, war mir eigentlich egal, anstelle des VfL Wolfsburg wäre mir auch jeder andere Gegner recht gewesen. Die ersten Eindrücke, die ich gewann, waren positiv: Ich stand in einem reinen Fußballstadion ohne Laufbahn (nicht einmal das hatte ich vorher gewußt), das Spiel war für Zweitliga-Verhältnisse hervorragend besucht (leider weiß ich die genaue Zuschauerzahl nicht mehr, aber es dürfte wohl etwa das Zweieinhalb- bis Dreifache des Zweitliga-Durchschnitts von ca. 6.000 Besuchern gewesen sein), auch die Stimmung in der Nordkurve gefiel mir: Leidenschaftlich, aber nicht aggressiv. (fussballdaten.de sagt: 14.100 Besucher, d.h. etwas zu hoch geschätzt habe ich dann doch.)

Das Spiel selbst paßte zu diesem Bild. Ich hatte zwar kaum Vergleichsmöglichkeiten (es war erst mein zweites Zweitligaspiel als Stadionbesucher), abgesehen davon empfand ich jedoch das Spiel als durchaus ansehnlich.

Irgendwann in der zweiten Halbzeit ging St. Pauli mit 1:0 in Führung. In den Minuten nach dem Tor geschah dann das Entscheidende: Ich ertappte mich dabei, wie ich mit den St. Pauli-Fans mitzitterte. „Hoffentlich bleibt es dabei.“ Jawohl, es war geschehen. Die Leidenschaft zum Kiez-Klub, dem Underdog im Schatten des Lokalrivalen HSV, hatte auch mich gepackt. Ich hatte das Stadion als ahnungsloser Gast betreten und verließ es als St. Paulianer.

Damit war es nun also passiert. Ich hatte einen Verein. Nicht einen weit weg, sondern nah genug, um nun regelmäßig zu seinen Heimspielen zu pilgern. Sicher mag meine damalige Zuwendung ein wenig mit Erfolgsfantum zu tun gehabt haben, da der FC in der betreffenden Saison eine sehr gute Rolle in der Liga spielte und erst auf der Zielgeraden den Aufstieg verpasste, aber auf einer solchen Basis allein hätten es ja bekanntermaßen keine zwanzig Jahre werden können. Im März 1998 habe ich dann meine Beziehung zum FC St. Pauli wie folgt beschrieben:

Irgendwann habe ich mir folgende Frage gestellt: Wenn meine Bekannten mich seinerzeit nicht zu St. Pauli, sondern zum HSV mitgeschleppt hätten, wäre ich dann jetzt HSV-Fan? Ich glaube nicht. Es gibt einiges, wann ich an St. Pauli lieben und schätzen gelernt habe.

Ich habe die Anhänger des Kiez-Klubs kennengelernt als solche, die sich zwar für Fußball interessieren, dies jedoch nicht mit der Intensität tun wie die Fans anderer Klubs. (Okay, das sehe ich inzwischen nicht mehr so.) St. Pauli-Fans legen großen Wert auf die Feststellung, daß es für sie auch andere Dinge im Leben gibt als Fußball. Ein gutes Beispiel dafür ist das St. Pauli-Fanforum der Hamburger Morgenpost, in dem wesentlich mehr über Themen außerhalb des Fußballs geredet wird als in vergleichbaren Foren anderer Klubs.

St. Pauli-Fans sind selbstironisch. Die Comics des Guido Schröter belegen dies in massiver Form, die Geschehnisse im Stadion auch. Ein Beispiel: Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1996/97 hatte der FC St. Pauli als längst feststehender Absteiger ein Heimspiel gegen den MSV Duisburg. Bei diesem Spiel hallte folgender Gesang durchs Stadion: „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“. La Ola gab’s natürlich auch. St. Pauli-Fans haben auch kein Problem damit, ein von woanders aufgedrücktes Negativ-Image zu pflegen: „Wir kommen aus dem Norden, wir rauben und wir morden, wir waschen uns nie – St. Pauli!“

St. Pauli-Fans sind gegen Rechts. Die Stadionordnung verbietet rechtsradikale Symbole und Äußerungen aller Art. Am Millerntor gibt’s keine „Uh-uh“-Rufe gegen dunkelhäutige Gästespieler – und wenn ein paar Verirrte sich zu so etwas herablassen, werden sie von der Menge niedergepfiffen. St. Pauli-Fans sind (zum größten Teil) friedlich. 13.000 Schlachtenbummler in Wolfsburg (1994) oder 8.000 in Frankfurt (1995), und niemand muß Angst vor Randale haben.

Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht mir nicht darum, die St. Pauli-Fans als etwas „Besseres“ darzustellen. Wir sind nicht besser, wir sind nur anders – anders auf eine Art und Weise, die mir sympathisch ist. Natürlich gefällt mir nicht alles, was am Millerntor vonstatten geht, aber glücklicherweise sind die St. Pauli-Fans zu einem erheblichen Teil selbstkritisch genug, um sich mit Vorkommnissen und Erscheinungen unerfreulicher Art konstruktiv auseinanderzusetzen.

Sicher, inzwischen sehe ich manches anders als damals oder würde es zumindest anders formulieren (Klischeevokabeln wie „Kiez-Klub“ habe ich mir irgendwann abgewöhnt), aber ein Großteil dessen hat den „test of time“ bestanden. Selbstironie (nein, nicht als Selbstzweck oder Pflichtübung mit Allgegenwärtigkeitspostulat, aber sehr wohl dann und dort, wo sie hinpasst), Bekenntnis gegen rechts, und Fußball. Nicht etwa Fußball als alleiniger Lebensinhalt, aber sehr wohl als wesentlicher. Okay, zu einem echten Fußballfachmann, einem Taktik-Kenner habe ich es bis heute nicht gebracht. Sehr wohl aber zu einem Fußballverrückten, der mitfiebert und –bangt, manchmal in einer Intensität, die mich selbst unheimlich ist. Beim 2:2 gegen Dynamo Dresden am 25. Mai 2007 haben meine Umstehenden versucht, mich zu beruhigen, so nervös wie in der Schlussphase dieses Spiels war ich selten. Und meine Gefühlslage in den letzten vierzehn Minuten des Spiels beim 1. FC Nürnberg am 20. Mai 2001 habe ich damals, wenige Tage nach dem Spiel, wie folgt beschrieben:

Chancen auf beiden Seiten. Nürnberg sortierter, St. Pauli leidenschaftlicher. Erst mit zunehmender Spieldauer löst sich die Ordnung in der FCN-Hintermannschaft. Es ist die 77. Spielminute, als Marcel Rath einen Lattenkracher fabriziert und Deniz Baris den Abpraller per Kopf an Andy Köpke vorbei ins Netz befördert.

1:2.

Nach den ersten beiden Akten – der Hoffnung auf den fremdverursachten Aufstieg und dem Konstituieren der Gewißheit, daß es dazu nicht kommen wird (gemeint ist hier der Verlauf des Parallelspiels Waldhof Mannheim gegen Mainz 05) – befinden wir uns nun im dritten und mit großem Abstand dramatischsten Akt. Dem im Angesicht des doch noch aus eigener Kraft zu bewerkstelligenden Triumphes, und dem Bangen darum, ob dies auch wirklich der letzte Akt sein wird.

Niemals habe ich so deutlich gespürt wie an diesem Tag, daß eben jenes Szenario – das Hoffen auf das Bestehenbleiben eines günstigen Spielstandes – das quälendste aller denkbaren ist. Für mich zumindest. Solange der Spielstand ungünstig ist und man auf eine Änderung hofft, hat man nichts zu verlieren. Man wartet darauf, daß etwas passiert, und kann infolgedessen gar nicht genug Fußball zu sehen bekommen. Sobald jedoch ein günstiger Spielstand eintritt – zu einem Zeitpunkt, der denkbar erscheinen läßt, man könne das Erreichte über die restliche Zeit retten -, hat man alles zu verlieren. Möchte eigentlich gar kein Fußballspiel mehr sehen (obwohl man ja gerade zu diesem Zweck ins Stadion gekommen ist), sondern nur noch den Abpfiff hören und alle Anspannung von sich fallen lassen. Eine – wie mir scheint – naheliegende Anschauung, aber niemals zuvor habe ich den Unterschied zwischen diesen beiden Elementarszenarien so intensiv erlebt wie an diesem Nachmittag im Nürnberger Frankenstadion. Die Situation beim letztjährigen Abstiegsdrama gegen Rot-Weiß-Oberhausen war eine völlig andere – da fiel das erlösende Tor erst wenige Sekunden vor Schluß, die Phase des Bangens um das Erreichte war also vergleichsweise minimal.

Und wohl selten habe ich ein Fußballspiel so aufmerksam verfolgt wie in diesen dreizehn Minuten. Einige gehen heraus, weil sie es nicht mehr aushalten (was vor dem 2:1 niemand getan hätte – auch dies belegt die Wertung im letzten Absatz), ich zwinge mich, dazubleiben. Ich will Augenzeuge des Grauens sein, nur so gewinne ich Gewißheit über das, was mir widerfährt.

Also stehe ich nun da und beobachte das Spiel mit außernormaler Konzentration. Zum Glück erlaubt das Stadion trotz der Laufbahn gute Sicht aufs Spielfeld, und zum Glück spielen die Nürnberger auf das Tor vor unserer Kurve. So kann ich jeden einzelnen ihrer zahllosen Querpässe vor unserem Strafraum akribisch verfolgen und darauf hoffen, daß irgendetwas Heilbringendes diesen quälend langen Ballstafetten ein Ende setzt – ein sein Ziel verfehlender oder von Heinz Weber entschärfter Torschuß, eine erfolgreiche Grätsche eines St. Paulianers, ein ungenaues Zuspiel ins Aus oder sonstwas.

Aber die Paßfolgen der Schwarz-Roten nehmen kein Ende. Ich quäle mich mit dem Beobachten dieser Handlung, aber ich quäle mich wenigstens bewußt. Um mich herum ein ekstatisches „St. Pauli“-Gebrüll (an dem auch ich mich zeitweise beteilige, ohne die Ausdauer der anderen zu erreichen – sei es aus physischen oder nervlichen Gründen) und ein für den Moment erlöstes Bejubeln eines jeden Kleinsterfolges – Ballbesitz, Abstoß, Klären ins Aus.

Und dann ist es 16.47 Uhr.

Ein Pfiff von Herrn Krug, 20.000 FCN-Fans stürmen den Platz. Es gibt kein Spiel mehr zu beobachten. An dem, was die Tafel anzeigt – 1:2 -, wird sich nichts mehr ändern.

Heute kann ich mir ein Fußballfandasein ohne regelmäßige Stadionbesuche nicht mehr vorstellen. Und auch nur ganz schwerlich eines mit einem anderen Verein als dem FC St. Pauli als zentralem Bezugspunkt. Auch wenn die Faszination des Neuen, die ich in jenen frühen Jahren wahrnahm (Hermann Hesse würde sagen: jedem Anfang wohnt ein Zauber inne), natürlich einer gewohnten, vertrauten Szenerie gewichen ist. Damals genoss ich es, dass bei diesem Verein alles so anders als meine fußballerische Vergangenheit war, heute genieße ich es, auf eine lange Zeit, unendlich viele Spiele zurückblicken und Vergleiche mit der Gegenwart ziehen zu können.

Eines haben meine Betrachtungen von damals, aus meinen frühen St.-Pauli-Jahren, und heute auf jeden Fall gemeinsam: St. Pauli war und ist für mich nicht nur Fußball. Es war und ist auch Politik, und es war – und wurde es über die Jahre in immer stärkerem Maße – Sozialisation. Drei Säulen einer Leidenschaft, einer Liebe, an deren unerwarteten Anfang ich mich heute ganz besonders gern zurückerinnere. It was twenty years ago today.


Für immer in unseren Herzen

3. November 2013

In Gedenken an Dirk aka „3.9.77“

Mensch, Dirk, du hast Nerven. Mitten in der Saison. Dabei wollten wir doch noch so oft nach dem Spiel vor dem Clubheim hocken und uns gegenseitig vollschnacken.

Ich war ganz schön geschockt. Wusste gar nicht, was ich in deinen Kondolenz-Thread im Forum schreiben soll. Und hab mir dann überlegt: Du bekommst einen Blogartikel. Du hast das Zeug hier gern gelesen, dann hast du das auch verdient. Und am liebsten würde ich höchstderselbst deinen Grabstein mit jener Inschrift versehen, die du expressis verbis in deiner Foumssignatur vorgegeben hast:

„Guck nicht so doof, ich läge jetzt auch lieber am Strand!“

Als hättest du etwas geahnt. Vielleicht hast du’s ja auch.

Wie lange kennen wir uns eigentlich? So genau weiß ich‘s gar nicht mehr. Was ich aber natürlich weiß: was du am 3. September 1977 gemacht hast. Und darum habe ich dich beneidet, seitdem ich dich kenne. Dem konnte ich nicht mehr entgegenhalten als die Story, wie ich an diesem Tag vor dem Radio … okay, du weißt Bescheid, ich hab‘s dir oft genug erzählt.

Bei der Karaoke-Party im alten Clubheim am 23. April 2005 kannten wir uns auf jeden Fall schon. Da warst du dabei, wenn auch nichtsingend. Und in den Jahren danach sind wir uns unzählige Male im alten Clubheim über den Weg gelaufen. Und haben unendlich viel miteinander geschnackt und dabei ein oder zwei Bier getrunken … naja, manchmal auch ein paar mehr.

Und zwei Aufstiege haben wir zusammen gefeiert. Am 25. Mai 2007, nach dem 2:2 gegen Dynamo Dresden, haben wir bei der ersten Forums-Saisonabschlussparty, damals noch vor den Umkleideräumen von Hansa 10/11 auf dem Heiligengeistfeld, zusammengehockt. Da warst du in Gedanken schon im UEFA-Pokal. Leider hast du die Verwirklichung dieser Vision nicht mehr erlebt, ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das noch erleben werde.

Und dann natürlich der 2. Mai 2010, der Tag des Aufstiegs in Fürth. Da habe ich bei dir zuhause auf der Couch gesessen und vor lauter Euphorie wie ein Wahnsinniger auf deinem Sitzpolster herumgeprügelt, als Charles Takyi das Tor zum 3:1 machte. Und nein, ich habe es nicht bereut, nicht in Fürth zu sein. Dort, wo ich war, wo ich diesen Aufstieg erlebte, in deinen vier Wänden, war ich glücklich. Ich hatte Menschen um mich herum, mit denen ich diesen Moment erleben wollte – Menschen wie dich.

Aber das sind ja nur die Highlights. Wie gesagt, wir sind uns unendlich oft begegnet. Und du warst immer für einen netten Schnack zu haben, immer humorvoll, immer respektvoll, und fast immer fröhlich. „Michel aus Lönneberga“ hast du mich genannt, und ich hoffe, du meintest damit nicht den Michel, der wegen irgendwelcher angeblicher Untaten in den Tischlerschuppen gesperrt wird, sondern den gutherzigen und hilfsbereiten. Wobei, ich bin mir eigentlich sicher, dass du letzteren meintest. Du bist mir ja immer mit Respekt und Wertschätzung begegnet – hoffentlich ist es mir einigermaßen gelungen, dir dies zurückzugeben.

Und viele andere haben dich ja genauso geschätzt und gemocht. Ich bin ja nun überaus vorsichtig mit dem, was im Forum geschrieben wird, aber den Einträgen in deinem Kondolenzthread kann ich nur zustimmen. Du warst ein prima Kerl, du wusstest eine Menge über Fußball und den Rest des Lebens. Und Alfra zitere ich mal wörtlich: „Egal, was das Leben für dich an Überraschungen hatte, irgendwie bist du trotzdem immer wieder auf die Füße gefallen, bist aufgestanden und hast weiter gemacht.“

Weißt du eigentlich, dass das eine ziemlich eigenartige Situation ist, zu dir zu sprechen, und du sagst nichts? Das habe ich sonst nie erlebt. Du wusstest immer etwas zu erzählen – eher war ich es, der in Schweigen verfiel, etwa nach gruseligen Spielen, die ich nicht kommentieren wollte. Aber auch in der Stunde der deprimierenden Niederlage hast du deinen Humor nicht verloren.

Gegen Sandhausen konntest du nun nicht mehr dabei sein. Ich denke, Daggi hat die richtigen Worte gefunden:

„Es gibt Momente, die sind trotz vielem Gewohnten auf einmal völlig anders.

Das wird einigen St. Paulianern heute so gehen, denn einer von uns nimmt heute das erste Mal seit vielen Jahrzehnten seinen Stehplatz in der Gegengeraden nicht ein. Dirk, vielen bekannt durch seinen Nicknamen 3.9.77, der Tag seines ersten Spiels mit dem FC St. Pauli, nimmt ab sofort in der Ehrenloge ganz weit oben Platz . Und wir denken, dass er mit Günter, Sigrid, Willy, Banko, Nils und vielen anderen kein Heimspiel verpassen wird.“

Besser hätte es wohl niemand anders sagen können.

Vorgestern war ich nun auf deiner Feier in den Fanräumen. Ich glaube, es hätte dir gefallen. Es gab lecker Bier, fein was zu futtern und klasse Musik. Es war bedrückend und schön zugleich, auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass es in deinem Sinne war, diese Feier zu machen.

Jetzt werden wir uns nicht mehr im Clubheim oder sonstwo über den Weg laufen. Ich werde dich vermissen, als einer von vielen. Es wird nicht mehr so sein wie vorher. Deinen Platz auf der Gegengeraden hast du nicht mehr, aber für alle Zeiten einen Platz in unseren Herzen.

Mach’s gut, Dirk. Du warst St. Pauli, durch und durch.


Die Stunde der Helden

27. August 2013

FC St. Pauli – SG Dynamo Dresden 2:1 (26.08.2013)

Vor dem Spiel haben mich drei Zeitgenossen (darunter ein regelmäßiger Leser dieser Kolumne, an dieser Stelle beste Grüße) nach meinem Tipp gefragt. Die Antwort lautete, dass ich diesmal ausnahmsweise optimistisch sei und einen Sieg mit einem Tor Abstand erwarte.

Ich war mir nicht sicher, ob es eine gute Idee war, eine solche Prognose vorzunehmen. Schließlich gehöre auch ich zur mannstarken Armada der Unsinnstipper, die mit ihren Vorhersagen üblicherweise danebenliegen. Entsprechend habe ich mich beim Abpfiff auch nicht etwa bestätigt gefühlt, sondern eher darüber gewundert, dass es tatsächlich so gekommen war.

Wobei: Einen dermaßen dramatischen Verlauf hätte ich sowieso nicht prognostizieren können, ich hatte auch eher an ein langweiliges 1:0 mit dem Tor nach zwanzig Minuten oder so gedacht. Nicht an eine solche Stunde zweier Helden, von denen einer einen Elfer killt und der andere quasi während seiner Einwechslung Herrn Kirsten junior den Siegtreffer ins Netz hämmert. Zwei singuläre Momente, die vielen in ähnlich lebhafter Erinnerung bleiben werden wie das Kopfballtor des Philipp Tschauner vor fünf Monaten gegen den SC Paderborn.

Natürlich sucht man auch in diesem Spiel nicht erfolglos nach Kritikpunkten. Allem voran die Chancenverwertung. Aber das ist zum Glück nicht meine Aufgabe als Fan. Und danach ist mir an einem solchen Abend auch nicht zumute. Nein, solche Momente sind dazu da, genossen zu werden. Dem Fußballgott, wenn man denn an ihn glaubt, dafür zu danken, dass man bei so etwas dabei sein darf. Und sich über die drei Punkte zu freuen. Zumal sie auch bei kritischer Sichtweise anders zustande kamen als die gegen 1860: Hier war es kein gegnerischer Fehler, der die Tür zum Sieg öffnete, hier war er das verdiente Ergebnis eines überlegenen Spiels mit einem Chancenplus von erheblicher Größenordnung. „Eigentlich“ hätte das 1:0 viel früher und auf der anderen Seite fallen müssen, aber niemand weiß, wie das Spiel dann weitergegangen wäre. Vielleicht war es besser so. Aus dramaturgischer Sicht auf jeden Fall. Aus statistischer Sicht irgendwie auch: In den fünf letzten Aufeinandertreffen dieser beiden Klubs (inklusive gestern) hat viermal die Seite, die mit 1:0 in Führung ging, verloren, in zwei Fällen endete sogar ein 2:0-Vorsprung mit einer Niederlage.

Soll heißen: Es ist gut, dass es so gekommen ist und nicht anders.

Was bedeutet dieses Spiel nun perspektivisch? Sind wir jetzt, mit einem Punkt Rückstand auf Platz 3, ein Aufstiegskandidat? Ich wäre vorsichtig damit. Die SG Dynamo Dresden drängt sich angesichts ihres eher misslungenen Saisonstarts nicht unbedingt als Maßstab auf. Aber irgendwie ist mir im Moment auch gar nicht danach, mir über so etwas Gedanken zu machen. Spätestens seit dem Triumph in der Region vor drei Monaten habe ja auch ich begriffen, dass ein Fußballspiel nicht nur eine von 34 Etappen einer Ligasaison, sondern auch und gerade ein Ereignis an und für sich verkörpert. Und als ein solches will gerade ein Spiel wie gestern wahrgenommen werden. Ein Spiel mit dramatischen Wendungen im Minutentakt – Rückstand nach drückender Überlegenheit, postwendender Ausgleich, wenig später ein Elfer für den Gegner (und aus meiner Sicht ein völlig klarer), dieser gehalten, und kurz danach dann die Klimax in Form eines Himmelfahrtskommandos von der Auswechselbank quasi direkt auf den Olymp des Siegtorschützen. Um solche Geschichten zu schreiben, muss selbst der Fußball sich ein wenig anstrengen.

Und wenn es ihm gelingt, dann wird es ihm auch gedankt. Irgendwann während der zweiten Halbzeit habe ich mir gewünscht, einen Dezibelmesser mitgenommen zu haben. Es war dermaßen laut (es geht hier um die Sitz-Gegentribüne), dass es fast schon weh tat. Physisch wohlgemerkt, seelisch natürlich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Und das kann nicht nur mit der Akustik oder Größe der neuen Tribüne zu tun haben. Das ist das Resultat eines Sinneswandels (oder wie immer man so etwas nennen will), der in den erfolgreichen Jahren unter Holger Stanislawski seinen Anfang nahm und die – eher ernüchternde – jüngere Vergangenheit offensichtlich unbeschadet überstanden hat. Ja, ich finde die Entwicklung am Millerntor in Sachen Support positiv. Die einzelnen Stadionbereiche interagieren besser als noch vor ein paar Jahren. Die Gegentribüne singt die USP-Chants mit (wenn auch natürlich nicht alle), umgekehrt greift die Südtribüne Impulse aus anderen Ecken auf, und bei den Wechselgesängen beteiligen sich sogar viele Besucher auf den Business Seats. Es wird gerufen, geschimpft, gesungen, angefeuert, es wird Fußball gelebt. Hörbar. Unüberhörbar.

Und nach einem solchen Spiel mit einer solchen Dramaturgie und einer solchen Kulisse wundert es mich auch nicht, dass die Helden nach vollzogenen Großtaten das Leben dann ein wenig früher zu den Klängen von Vicky Leandros geliebt haben, als es einem Teil ihrer Anhängerschaft recht war. Nun mag man dies trefflich kritisieren, und wenn es denn wirklich so ist, dass diese Musikeinspielung den Beschlüssen des Fankongresses von vor ein paar Jahren (oder anderen Übereinkünften) zuwiderlief, dann ist es auch nicht verkehrt, Mannschaft und Stadionsprechercrew daran zu erinnern. Aber auch dann werde ich es ihnen nicht zum Vorwurf machen, dass sie gestern, im Siegesrausch nach einem außernormalen Spiel, das Leben ein wenig früher geliebt haben als qua Leitlinie XY vorgeschrieben. Zumindest von meiner Seite sei ihnen zugestanden, den Triumph dergestalt zu begehen und sie so zu feiern, die Stunde der Helden.